Siem Reap, KHM – Ein Erlebnisbericht mit Unfall

Die Fahrt von Phnom Penh nach Siem Reap dauert gleich lange wie die Fahrt von HCMC nach Phnom Penh. Dieses Mal war der Bus jedoch komfortabler und es gab natürlich keinen Unterbruch an der Grenze. Mein erster Sitznachbar war ein leicht durchgeknallter Inder (aber auf eine gute Art), der die Schweiz ausserordentlich gut kennt. Wie er mir erzählt hat, lebt er in Kanada und macht jeden Winter mit seiner Frau eine Reise ins warme Asien. Er ist mittlerweile pensioniert, verbringt einen Grossteil seiner Zeit mit Malen und liebt es, jede Menge Geschichten zu erzählen, bei denen man nie so ganz sicher ist, was denn nun stimmt und was nicht. Ausserdem ist er ein überaus aktiver Facebook-User. Wenn er mal nicht erzählt hat, ist er in seinem ipad herumgesurft und hat Nachrichten gelesen und geschrieben – wär’s nicht Facebook gewesen, man hätte ihn wohl für einen gestressten Manager gehalten. Nach dem 2. Stopp konnte er es arrangieren, dass er mit seiner Frau zusammensitzen konnte und ich bekam einen neuen Sitznachbarn, einen ausgewanderten Franzosen, der seit 6j in Siem Reap lebt und geschäftlich in PP zu tun hatte. Es wäre sicherlich interessant gewesen, sich mit ihm zu unterhalten, aber nach den vielen abstrusen Geschichten war ich ziemlich müde – diese Busfahrten starten auch immer viel zu früh am Tag! – und habe den Rest der Fahrt verschlafen.

In Siem Reap angekommen war schnell zu erkennen, dass ich wieder an einem touristischen Ort gelandet war. Die Stadt ist nicht sehr gross und voller Angebote für Touristen in allen Preislagen. Ausserdem ist es der „Hauptsitz“ von Beat Richners Hilfswerk. Sein Kinderspital liegt auf dem Weg zu den berühmten Tempeln und ich bin mehrfach daran vorbeigefahren. Es ist überraschend gross und überall hängen Werbeplakate für seine Konzerte, die offenbar wöchentlich stattfinden. Die Gegend ist ansonsten eher nobel, rund um das Kinderspital finden sich 5-Sternehotels und teure Geschäfte. Es wundert mich, wie das zusammen geht. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Luxus-Institute erfreut sind über die Ärmsten der Armen, die sich da in ihrer Strasse tummeln. Und noch mehr wundert es mich, dass Richner ausgerechnet ein derart teures Gebiet für seine Klinik ausgesucht hat. Aber wer weiss, vielleicht war er ja zuerst da. Oder es war eine edle Spende des Staates Kambodscha? Wie auch immer, es ist nun so und vielleicht zieht es den reichen Gästen ja das Geld aus der Tasche, wenn sie das Elend vor der Nase haben.

Ich wollte eigentlich nicht so wirklich nach Siem Reap, die grossen Städte sind nun einmal eher mein Ding. Aber irgendwie kann man nicht nach Kambodscha gehen und sich diese Tempel hier nicht ansehen, das hätte schon beinahe etwas Frevlerisches, scheint mir. Und wahrlich, mittlerweile bin ich froh, bin ich hier hin gereist. Ja, ich muss mich sogar korrigieren: egal was man aushält, DAS sollte man wirklich gesehen haben! Es ist unglaublich, was die hier aus dem Dschungel ausgegraben haben!! Nach Indien dachte ich, ich würde nie mehr im Leben einen Tempel besichtigen, ich hätte genug Tempel für den Rest meines Lebens gesehen. Aber das hier ist noch einmal etwas Anderes. Man kommt aus dem Staunen und Fotografieren nicht mehr heraus!! Und vermutlich ist es auch von Vorteil, dass diese Tempel nicht mehr in Nutzung sind, das indisch-schmuddlige fällt weg.?

 
Die weiteren Beschreibungen zu den Tempeln hat Euch meine Software leider vorenthalten. Sie wurden irgendwo im Nirvana abgespeichert und sind nicht mehr auffindbar…. Sollte wohl nicht sein. Mir ist jedenfalls die Lust vergangen, mich ständig zu wiederholen und wieder von vorne zu beginnen und ich befasse mich nun eher mit existentiellen Gedanken zu meinem Schreiben. Es sind so langsam etwas viele Steine, die mir da in den Weg gelegt werden, es ist ja auch nicht das erste Mal, dass ich hier schreibe: ich hab‘ die Schnauze voll!?

 

Also zurück zum Titel: mein erster Tempelbesuch stand unter keinem guten Stern. Ich hatte die „kleine Tour“ geplant, beginnend mit Angkor Wat, dem wohl besterhaltensten und bekanntesten der Tempel. Beim Verlassen desselben ist es dann passiert, ich hatte ein Loch im Weg übersehen und mir dabei unglücklich den Fuss umgeknickt. Zuerst fühlte es sich an, als hätte ich mir das „Narrenbein“ angeschlagen. Nach 5min war das Gefühl im Fuss jedoch zurück und ich dachte, es sei soweit alles ok und liess mich zu Angkor Thom, dem nächsten Tempel, fahren. Dieser erstreckt sich über ein riesiges Gelände und die Sonne hat nur so heruntergebraten. Ich hab‘ mir denn tatsächlich auch noch einen Sonnenbrand geholt an diesem Tag. Allerdings war das letztlich mein kleinstes Problem. Denn der Fuss begann plötzlich immer mehr zu schmerzen und irgendwann realisierte ich auch, dass er ganz schön angeschwollen war. Da war wohl doch mehr schief gelaufen, als ich zuerst gedacht hatte…

Die letzte Stunde bis zur Rückkehr meines Tuk Tuk- Fahrers habe ich denn auch sitzend verbracht. An all diesen Touristenorten findet sich mindestens ein Bereich, der den Händlern vorbehalten ist. Es gibt Stände mit den üblichen Kleidern, Bilder oder Souvenirs, aber natürlich auch Verpflegung. Dort war man so nett und hat mir ein Stühlchen angeboten, als ich angehumpelt kam.

Natürlich nicht ganz ohne Hintergedanken ?, ich wurde immer wieder gefragt, ob ich nicht vielleicht dieses oder jenes auch noch brauchen könnte. Einer der „fliegenden Buchhändler“ hat mir dabei besonders imponiert. Er war trotz seiner beschränkten Englischkenntnisse sehr kreativ in seinen Verkaufs-Argumenten. ? Doch er hatte leider das falsche Produkt. Ich werde mir keine Bücher mehr kaufen! Auch sonst waren es unterhaltsame und interessante Gespräche mit den jungen Kambodschanern. Wir haben uns gegenseitig über die Sitten unserer Länder aufgeklärt, dabei gab es so manchen Grund zum Lachen. Es ist für mich überraschend wie fröhlich und gut gelaunt die Menschen dort waren (bzw. sind in Kambodscha). Den ganzen langen Tag in dieser Hitze herumzulungern und auf „Touristenfang“ zu gehen, stelle ich mir sehr eintönig, langweilig und nervenaufreibend vor. Ich wollte nicht, das wäre meine Arbeit! Da bestätigt sich wohl wieder einmal: die zufriedensten Menschen sind die, die nichts haben.

Anschliessend musste ich mir meine Erlösung noch etwas verdienen. Wie erwähnt, das Gelände von Angkor Thom ist riesig und ich hatte keine Ahnung, wo genau mein Tuk Tuk-Fahrer beabsichtigte, auf mich zu warten. Seine Angaben, die er beim Eingang zum Gelände machte (und wo wir uns nicht wieder treffen würden), waren im Nachhinein nicht mehr so klar…. Letztlich lag das Problem wohl eher daran, dass er einfach zu spät dran war, doch das wusste ich natürlich nicht. So bin ich also in der bratenden Sonne von Tuk Tuk-Platz zu Tuk Tuk-Platz gehumpelt und spürte dann doch auch eine leichte Verzweiflung aufkommen. Natürlich hätte ich locker bei einem der vielen anderen Fahrer einsteigen können, die mich im Minutentakt angesprochen haben, aber dafür bin ich wohl doch zu gut erzogen…. Im Nachhinein waren dies die schlimmsten 20min dieses Tages: mit schmerzendem Fuss, voller Ungewissheit, was genau die Ursache für die Schmerzen ist, in einem unbekannten Brutkasten und fast allein auf der Welt im absoluten Selbstmitleid…. Und was für eine Freude war es, als mein Fahrer schliesslich aufgetaucht ist!!

Ich habe mich darauf in die Klinik eines holländischen Arztes fahren lassen, der gemäss meinem Reiseführer auch deutsch spricht. Dort angelangt war die Klinik aber nicht mehr, mein Tuk Tuk-Fahrer war völlig verwirrt und verstand die Welt nicht mehr. Zum Glück kam uns ein Australier zu Hilfe, der dort seine Kaffeebar hat. Er informierte uns, was mit der Klinik geschehen war und konnte mir zum Glück weitere Adressen angeben. So bin ich schliesslich in einer relativ neuen Khmer-Klinik gelandet, die mich positiv überrascht hat. Sie hatten sogar ein (gutes!) Röntgengerät und haben mich mit dem Rollstuhl herumgefahren – kam mir vor wie in einem amerikanischen Film. Auf dem Röntgenbild konnte selbst ich sehen, dass mein Knöchel leicht angebrochen war. Holdrio, da hatte ich mir also meinen ersten Bruch überhaupt ausgerechnet in Kambodscha geholt!

Man wollte – aus welchen Gründen auch immer – noch einen 2. Arzt hinzuziehen, auf den ich lange warten musste. Das wiederum erinnerte an die Notaufnahmen zu Hause… Und war natürlich genauso nervig wie zu Hause auch, zumal ich erst in der letzten Wartestunde herausgefunden hatte, dass die Klinik free wifi bietet…. Und – ein wirklicher Nachteil einer lokalen Klinik – die Zeitschriften in der Wartezone waren natürlich alle in Khmer…. Immerhin hatte ich nicht mehr zu leiden – nun ja, abgesehen von der Geduldsthematik – da man mir relativ bald nach dem Röntgen irgendwelche Pillen verabreicht hatte, die Wunder gewirkt hatten gegen die Schmerzen.

Gegen 8 Uhr abends kam der andere Arzt schliesslich, direkt aus einer Operation, die offenbar viel länger gedauert hatte als erwartet und so sah er auch aus, abgekämpft und müde und nicht sonderlich erfreut über meinen Fall – nicht gerade vertrauenserweckend! Es folgte das bereits bekannte Prozedere, Röntgenbilder betrachten, an meinem Fuss herumdrücken, Fragen stellen und Beantwortungsversuche meinerseits. Letztlich waren sich alle einig, dass ich keinen Gips brauche, nur viel Ruhe für den Fuss und man hat mich mit Schmerzmittel und einem Stützverband entlassen. Da war ich nun also, noch fremd in Siem Reap mit einem gebrochenen Knöchel und einem kaum gebrauchten teuren 3-Tages-Ticket für die Tempel.

Es hätte jedoch weitaus schlimmer kommen können. Ein offener oder komplizierter Bruch, ein Bänderriss oder irgendwelche inneren Verletzungen (anderorts) wären sicherlich viel unangenehmer geworden und hätten mich vermutlich zur Heimkehr gezwungen. Denn ich muss doch zugeben, mein Vertrauen in die hiesigen Ärzte ist doch etwas geringer als in die unsrigen (und das ist ja schon tief), auch wenn ich darauf nicht sonderlich stolz bin. Schliesslich kann man überall einen schlechten oder einen guten Arzt erwischen. Offensichtlich war es aber noch nicht Zeit, Heim zu kommen. Das hat sich mittlerweile auch ganz klar bestätigt. Es gab noch etwas zu finden, doch dazu später.

Die kommenden 4d habe ich in meinem Hotel verbracht, um meinem Fuss die notwendige Ruhe zu geben. Eigentlich mag ich das nicht so, doch in diesem Fall war ich froh, dass mein Hotelzimmer im Parterre lag. Ausserdem hat das Hotel ein wirklich gemütliches openair-Restaurant, teilweise mit einer Art Festbankbestuhlung, wodurch ich meinen Fuss gut hochlagern konnte. Die Karte ist relativ klein, aber sie haben ausserordentlich gut gekocht (französische Khmer-Küche – kann ich nur empfehlen!?) und so liess es sich in meinem kleinen Radius recht gut aushalten. Mein Herumhumpeln fiel natürlich auf und hat mir ganz viel Mitleid und Unterstützung sowie Kontakte nach Australien und Schottland ? eingebracht, auch das war soweit ganz angenehm. Glück im Unglück also!

Zugegeben, es war nicht alles ganz so einfach. Da die Verständigung in der Klinik doch etwas schwierig war, war ich im Nachhinein schon etwas verunsichert, ob das wirklich gut kommt mit meinem Fuss. Und letztlich hat sich das erst gelegt, nachdem ich 3w später noch einmal bei einem Arzt war. Davor war meine Stimmung ein ständiges Rauf und Runter, von überzeugt, dass das schon alles gut kommt bis ängstlich, es könnte schief kommen und ich könnte mir mit meiner Gelassenheit irgendwelche Folgeschäden einbrocken. Doch mittlerweile sind die Heilungsfortschritte merkbar, ich kann den Fuss praktisch wieder normal belasten und beschäftige mich nun stark damit, wieder normal Gehen zu lernen. Das ist schwieriger als gedacht, habe ich mich doch die letzten 40j kaum je darauf konzentriert, was meine Füsse da wirklich so tun…

Am 5. Tag nach dem Unfall liess ich mich schliesslich wieder zu den Tempeln fahren. Ich wollte das Ticket nur ungern verfallen lassen und hatte auf eine Tuk Tuk-Tempel-Tour gehofft. Diese Hoffnung verfiel aber schnell, die Tuk Tuks dürfen nicht so nah an die Tempel heranfahren und so bin ich trotz defektem Fuss ganz schön viel „umegschuenet“. Scheint dem Fuss aber letztlich nicht geschadet zu haben und gelohnt hat es sich auf jeden Fall. Nun hatte ich alle Tempel der grossen und der kleinen Tour gesehen und damit das Übliche, was sich der Tourist mit mehr Ausdauer hier so ansieht. Am letzten Tempeltag liess sich mich schliesslich noch zu einem Tempel fahren, der weiter entfernt liegt. Sie nennen ihn hier den „ladies temple“ und war somit natürlich ein Muss für mich. Und wirklich, für mich ist es einer der schönsten Tempel.

Danach kam meine „Fusskrise“?. Um dem Fuss Ruhe zu geben, habe ich entschieden, mich vorerst in Siem Reap niederzulassen und habe meine Reiseideen gecancelt genauso wie irgendwelche weiteren Unternehmungen in der Gegend. Ich habe angefangen, Bücher zu verschlingen und bin zurückgefallen in meinen üblichen Tagesrhythmus, womit ich meinen Hotelstaff 2x erschreckt habe, da es ihnen offenbar nicht so ganz geheuer war, dass sie mich bis zum Mittag bzw. späten Nachmittag noch nicht gesehen hatten. Mittlerweile haben sie sich aber auch daran gewöhnt und begrüssen mich nachmittags um 4 Uhr jeweils schmunzelnd mit einem „Guten Morgen“ (auf ihren Wunsch habe ich ihnen einige Phrasen auf deutsch beigebracht). Anschliessend fahren sie mich meistens zu meinem Frühstückscafé (mittlerweile könnte ich ja längst wieder gehen, aber sie lassen es sich nicht nehmen, mich zu umsorgen, wo es nur geht und den Versuch, ihnen dafür etwas zu geben, haben sie beleidigt abgelehnt…. Was tut man nicht alles, um andere glücklich zu machen!?), wo ich mittlerweile nicht selten bis zum „Abendessen“ bleibe. Denn in der Zwischenzeit musste ich das Hotel wechseln und das Neue verfügt über kein eigenes Restaurant.

Diese Phase hat sich eigentlich bis heute gehalten, auch wenn ich irgendwann genug vom Lesen hatte. Die Bücher wurden von Menschen abgelöst. Nach so langer Zeit am selben Ort haben sich mehrere Kontakte ergeben. Das ist teilweise sehr interessant und angenehm, teilweise aber auch etwas mühsam. Mir fehlt das Alleinsein und die Zeit für die Dinge, die ich sonst noch gern tun würde…. Es wird Zeit für eine Veränderung!

 

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