Ha Noi, VIE – ein erstes Fazit zu Vietnam

War ich die ersten Tage in administrativen Angelegenheiten und ansonsten eher ziellos in der Stadt unterwegs, habe ich mich gegen Ende meiner Zeit in Ha Noi etwas zusammengerissen und mir noch ein paar Sehenswürdigkeiten mehr ‚reingezogen. Dabei durfte das Hoa Lo-Prison natürlich nicht fehlen – irgendetwas Makabres muss immer sein ?. Ein Grossteil dieses Monstrums hatte allerdings bereits vor Jahren einem Geschäftshaus weichen müssen, heute steht nur noch ein kleiner Teil davon und so verhält es sich auch mit der „Museumsausstellung“. Resp. man könnte auch sagen, meine Erwartungen waren einfach falsch. Es geht in der Ausstellung hauptsächlich um die beiden Kriege (den französischen und den amerikanischen, nicht die beiden Weltkriege) und nur zu einem ganz kleinen Teil um das Gefängnis selber – ist ja auch schwierig, wenn nichts mehr davon steht. Und die „Gefängnisstories“ wiederum beinhalten hauptsächlich eine Aufzählung all der späteren hohen Regierungstiere in Vietnam, welche in diesem Gefängnis dahinvegetierten und dabei NIEMALS ihre kommunistische Überzeugung verloren haben – und gemäss der erhaltenen Informationen erscheint es mir doch recht überraschend, dass diese überhaupt überlebt haben. Erinnert ein wenig an Ausschwitz-Birkenau. Auf jeden Fall wird deutlich, dass die französischen Kolonialherren (Erbauer des Gefängnisses) die Einheimischen auch als „Untermenschen“ betrachtet haben. Allerdings war das ja wohl normal für das Gebaren von Kolonialherren und daher ist es heute auch kein Thema mehr….(oder liegt vielleicht daran, dass wir unsere Sichtweise noch immer nicht geändert haben, nur unser Verhalten ist etwas Menschlicher geworden?)  Schmunzeln musste ich hingegen bei der Ausstellung zur Zeit des amerikanischen Krieges, als die amerikanischen Soldaten dort eingesperrt wurden. Fotos von Weihnachtsfeiern und wie die Soldaten friedlich und vergnügt zusammensitzen und Brettspiele oder Karten spielen…. Passt nicht so ganz zu den Bildern, die wir aus den amerikanischen Filmen kennen ? – Propaganda überall!

Der originalgetreue Eingang des Gefängnisses

Weiter war ich im Literaturtempel. Die Bezeichnung Tempel ist etwas irreführend, da es eigentlich eine Universität (die erste von Ha Noi) für die höheren Söhne der damaligen Zeit war, gegründet von einem der Könige im 11. Jh.  Mit der Verlegung der Hauptstadt nach Hue 1807 verlor die Ausbildungsstätte ihren Status. Die letzten Prüfungen wurden 1915 abgelegt. Aufgrund der darauffolgenden Kriege (und entsprechenden Bombardements vor allem durch die Amerikaner) steht heute nicht mehr viel von den ursprünglichen Gebäuden, praktisch alles open-air. Doch obwohl mitten in der Stadt gelegen, ist es unheimlich ruhig und friedlich innerhalb dieser Mauern, trotz der vielen Touristen. Es ist denn auch nach wie vor eine Gebetsstätte für Konfuzius‘ Anhänger. Und so erinnert es – aus westlicher Sicht? – doch stark an einem Tempel.

Das Alumni-Verzeichnis  

Konfuzius ist der Grösste

 

Ach ja, die Vietnamesen lieben Karaoke und Federball. Beides trifft man regelmässig und besonders die Federballspieler meist an den unmöglichsten Orten an – die Vietnamesen können überall Federball spielen! Es ist beinahe ein Wunder, dass sie es nicht auch noch mitten auf einer Strassenkreuzung tun. Erinnert mich ein wenig an meine Kindheit, es gab da ‚mal so eine Phase, da waren wir (offenbar) auch vietnamesisch drauf….?  Kaffee lieben sie auch, allerdings geht es eher in Richtung türkischer Kaffee als den unsrigen. Und vietnamesischer Kaffee mit Milch ist normalerweise mit Kondensmilch. Oder anders gesagt, wenn du ihn erhältst, willst du zuerst reklammieren, weil du denkst, die Milch sei vergessen gegangen. Wenn du dann im Kaffee herumrührst, bereust du es ziemlich schnell, weil er dadurch zu einer unglaublich süssen gelartigen Melasse wird…. nicht wirklich zu empfehlen. Was die Franzosen den Vietnamesen Gutes hinterlassen haben, ist das Brot. Im Gegensatz zu Thailand oder Indien findet sich hier nicht nur Toastbrot, sondern an jeder Ecke wunderbare Baguetts sowie auch Pains au Chocolat und jede Menge Quiches. Und schliesslich – erwähnt als Tribut an eine gute Freundin ? – sind sie grosse Kunstfreunde, Galerien gibt es zu tausenden in Ha Noi.

 

 

Der Stadtsee, Hoan Kiem-Lake, dient scheinbar als eine Art Freiluftsprachschule. Als ich mich dort aufhielt, wurde ich ständig angesprochen, ob ich Zeit hätte. In der Annahme, man wolle mir etwas verkaufen, habe ich natürlich erst einmal verneint. Aber dann kam ein kleines Mädchen, hat sich einfach neben mich gesetzt und angefangen, mir 1’000 Fragen auf englisch zu stellen. Ich bin sicher, sie hat kaum eine meiner Antworten verstanden. Aber ich vermute, darum ging es ihr auch gar nicht, sie wollte einfach etwas Konversation üben. Auch sie hat von Federball erzählt, natürlich von Weihnachten, worauf sie sich freut, weil sie dann Geschenke erhält und sie steht auf Taylor Swift ? (wie könnte es anders sein!). Später hat sie noch ihre Mutter dazugeholt, welche sich auf der anderen Seite neben mich gesetzt hat und da – so eng eingepackt zwischen den beiden Frauen – war ich mir dann nicht mehr so sicher, ob ich mich noch wohl fühlen soll oder nicht, wo das wohl enden würde. Sie haben sich jedoch bald darauf verabschiedet und als ich mich das nächste Mal an diesem See auf die Frage, ob ich Zeit hätte, eingelassen habe, ging es wiederum nur darum, englisch zu sprechen. Wie angedeutet, man kann es nicht wirklich Gespräch nennen, du wirst einfach befragt, woher du kommst, wohin du gehst, wie dir Vietnam gefällt natürlich, welche Farbe du magst, welche Musik, welchen Sport etc. Die Schweiz ist den Vietnamesen in Ha Noi übrigens vollkommen unbekannt, sofern der jeweilige Vietnamese nicht im Tourismus arbeitet. Interessanterweise wollen sie auch Frankreich nicht kennen…. wenn’s um Europa geht, fragen sie sogleich nach den UK. Etwas Anderes scheint in Europa nicht existent.

Ich war hier noch in keinem, von aussen stehen die hiesigen Einkaufszentren den unsrigen jedoch in nichts nach. Auch bekommt man eigentlich alles, was man sucht. Vielleicht nicht mit dem gleichen Markennamen wie zu Hause und manchmal dauert es auch ein wenig, bis man erkennt – wie es halt so sein kann im Ausland – aber letztlich ist alles da. So tue ich mich denn etwas schwer, den Kommunismus zu „finden“. Das bestätigen auch andere Westler und selbst den Vietnamesen fällt es schwer, „ihren Kommunismus“ zu erklären. Wirtschaftlich ist hier alles möglich, wie es scheint. Längst nicht mehr alle Betriebe sind staatlich, im Gegenteil, diese sind vermutlich sogar mittlerweile in der Minderheit. Übrig geblieben scheint nur das Einparteiensystem und die Überlegenheit der Regierungsmitglieder, wie es mir von China her bekannt ist. Sie scheinen den Chinesen denn auch nahe, nur mit dem Aufbegehren gegen die Regierung liegen sie noch etwas zurück. Doch die jungen Vietnamesen beginnen sich gegen die Unterdrückung im Sinne des Gehorsams zu wehren. Interessant daran ist, dass der Staat sich in gewisser Weise selber „zerfleischt“. So schicken sie die Jungen auf Kosten des Staates zum Studieren ins Ausland und genau diese Rückkehrer sind es, die sich dem Gehorsam nicht länger unterwerfen wollen. Es wird interessant sein, die Entwicklung dieser Gesellschaft in den nächsten 10j zu verfolgen! Eine Vietnamesin Ende 20 hat mir erzählt, sie wolle keinen Vietnamesen zum Mann. Denn in Vietnam müsse man die Eltern und Schwiegereltern respektieren, egal ob man sie leiden könne oder nicht (ähnlich zu Indien ziehen Frauen nach der Heirat in den Haushalt der Schwiegereltern – wär auch nicht mein Ding ?). Welche weiteren Gründe den Wunsch nach einem Mann aus dem Westen verstärken, lassen wir nun einmal dahingestellt. Ich finde, die Aussage zeigt sehr schön die Konflikte, die in einer sich zu schnell verändernden und stark von aussen (dem Westen) beeinflussten Gesellschaft entstehen. Wenn sich die Frauen weigern, in den Haushalt der Schwiegermutter einzuziehen, weil sie sich dort unterordnen müssen, geht das System nicht mehr auf (Altersvorsorge!). Dass es dazu Alternativen gibt, hat das neue Denken bewirkt, Dank sei dem Tourismus, der Globalisierung, dem Internet (soweit ich feststellen kann, blockt die vietnamesische Regierung bis anhin nichts im Internet).

Aber eigentlich war ich ja beim Einkaufen. In der Altstadt von Ha Noi gibt es keinen Platz für Einkaufszentren – man spricht vom Goldenen Slum, die Menschen wollen nicht wegziehen (u. a. wegen der Wertsteigerung) und zusätzlich zieht es immer mehr Menschen dorthin, der Platz lässt sich aber nicht ausdehnen und so haben die Bodenpreise denn auch schon beinahe Schweizer Niveau erreicht! (Und wieder, wo ist hier der Kommunismus, da gehörte der Boden doch eigentlich dem Staat?) Und so herrschen in Ha Noi noch die Strassenzeilen vor, in denen sich ein Geschäft ans nächste drängt, zudem gibt es mehrere Markthallen (vergleichbar mit Covent Garden).

Alltag

Hier musste ich an Samira denken (auch wenn sie da mittlerweile wohl nicht mehr reinpasst und diese Kleidchen sicherlich genauso schrecklich findet wie ich) ?

Der Nachtmarkt am Wochenende (abgesperrt und theoretisch nur für Fussgänger, aber Mopeds kommen überall durch) 


Katzen gibt es hier jede Menge, mehr als Hunde. Oft gehört eine zum Restaurant. In meinem Lieblingscafé hatten sie eine noch ganz junge. Mit der habe ich mich im Laufe der Zeit angefreundet und zum Schluss sass sie sogar auf meinem Schoss, während ich gebloggt habe und hat friedlich vor sich hingeschnurrt. Wie es Katzen jedoch so an sich haben, sie hat mir meine Jeans zerlöchert…. Zu meinem Elend wird es diese Hose wohl kaum bis zum Ende meiner Reise machen. Das liegt in erster Linie sicher an den hiesigen Waschmaschinen/Tumblern, die Katzenkrallen waren jedoch nicht gerade förderlich.?

Mittlerweile habe ich auch herausgefunden, weshalb man die Vietnamesen so schlecht versteht: sie sprechen das „S“ nicht. Wenn du also wieder einmal nicht verstehst, versuch an den passenden Stellen ein S reinzupacken und oft ergibt die Aussage dann einen Sinn, was bspw. wie „fööt“ klingt, meint nach meiner Erfahrung „first“ ?  (Standardfrage der Vietnamesen, ob man das erste Mal in Vietnam ist).

Trotz mehrfacher Versuche gelingt es mir nicht wirklich, in Worte zu fassen, was mir an Ha Noi denn so gefällt, warum ich mich hier so wohl fühle. Wobei dies wohl das Stichwort ist: ich fühle mich hier einfach wohl. Es ist ein bisschen wie Schuhe kaufen, ein Blick aufs Regal genügt, um zu wissen, ob es sich lohnt, hier etwas anzuprobieren oder ob man das Geschäft gleich wieder verlassen kann (meine Mutter kann aus meinen Kindertagen davon ein Liedchen singen ?). So ähnlich verhält es sich bei mir auch bei Orten, einmal kurz „durchschnuppern“ genügt, um zu wissen, ob man sich hier niederlassen wollte oder doch lieber bald wieder weiterziehen will. Wieviel davon korrekte Intuition und wieviel falsches Vorurteil ist, sei einmal dahin gestellt. Ist ja vermutlich auch gar nicht so wichtig, da ein endgültiges Niederlassen sowieso nicht zur Debatte steht ?. Ein Grund für die Faszination liegt sicherlich in der Diskrepanz zwischen dieser gewissen Ruhe und dem für Asien üblichen lautstarken Chaos – zwei Gegensätze, die sich hier auf wunderbare Weise verbinden oder auch nebenher gehen, mal so, mal so. Die Menschen sind oft erst einmal zurückhaltend – das absolute Gegenteil vom Amerikaner, der gleich nach 5min. dein bester Freund ist. Doch wenn sie entschieden haben, sich zu öffnen, können sie unglaublich herzlich sein. Und manchmal auch überraschend fürsorglich, so hat mich eine alte Dame beim Überqueren der Strasse auch schon einfach an der Hand genommen und mich über die Strasse geführt. Sie sind auch recht „touchy“, Berührungsängste sollte man hier keine haben. Eine Umarmung zum Abschied ist nicht selten – natürlich nur von Frauen (wobei das an mir bzw. meinem Geschlecht liegt, unser Guide bei der Ha Long-Tour ging bei den männlichen Teilnehmern genauso auf brüderliche Tuchfühlung).

Ha Noi, wenn Du keinen Winter kennen würdest, wärst Du vermutlich mein Favorit…!?

 

Ein Kommentar zu „Ha Noi, VIE – ein erstes Fazit zu Vietnam“

  1. Bei der vietnamesischen Kindheitsphase war ich wohl auch dabei! 😉 Lang ist es her….

    Tolle Bilder und interessante Schilderungen! Vielen Dank dafür!

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